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Laudatio zur Verleihung des Aachener Friedenspreises 2010

Preisträger: Marco Arana und Phoenix e.V.

01.09.2010 -

                                                                                                

Sehr geehrte Damen und Herren,                                                                                                                                                                                                                                    Liebe Freundinnen und Freunde des Aachener Friedenspreises                                                                                                                                         und vor allem: Liebe Preisträger

Zum 23. Mal wird heute der Aachener Friedenspreis verliehen!                                                                                                                                                 Wer hätte vor über zwei Jahrzehnten gedacht, das sich aus einer Vision, einer Idee,  eine Institution etabliert, die weit über den deutschen Raum hinaus Bekanntheitswert erlangt und heute zu den wichtigsten Preisen gehört, die zivilgesellschaftliche Organisationen zu vergeben haben.

Gestatten Sie mir deshalb zu Beginn, den damaligen Initiatoren und den heutigen Aktiven und allen, die in den vielen Jahren nicht den Mut verloren haben, Friedensbotschafter und Friedensbotschafterinnen auszuwählen und zu ehren, denen heute als erstes zu danken.

Sie haben viele weiße Tauben fliegen lassen und Zeichen der Verbundenheit mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen, Gewalt und Terror gesetzt, sie haben auf Einzelpersönlichkeiten, Aktionen und Bündnisse aufmerksam gemacht, die Zeichen des Friedens setzen. Für viele Preisträger war das nicht nur eine Anerkennung ihrer Arbeit, sondern auch Rückendeckung und menschliche und politische Begleitung über Grenzen hinweg. Durch die öffentliche Wahrnehmung hat ihnen der Aachener Friedenspreis auch einen nicht zu unterschätzenden Schutzrahmen gegeben. Wenn ich besonders an die Preisträger erinnern darf, denen ich persönlich eng verbunden bin, den Friedensgemeinden in Kolumbien, für die ich während meiner Parlamentszeit Patin war, oder die Peace Brigaden, die mich bei einigen Auslandsaufenthalten begleitet haben  und die Rüstundsexportgruppe von Pax Christi, meine Freunde in Idstein.

Die heute zu würdigen und zu ehrenden Preisträger entsprechen diesem Geist und den politischen Implikationen.

Sie stehen für das neue Miteinander. Für die grenzüberschreitenden  globalen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Sie beide stehen für die Achtung der Menschenwürde und die legitime Einklagung der Menschenrechte. Und auch dafür, dass es manchmal einfacher sein kann, als Amtsträger , als Priester Stellung zu beziehen und sich zum Anwalt der Stimmlosen, der Rechtlosen zu mache. Mystik und Politik miteinander zu verbinden. Den politischen Auftrag des alten und neuen Testaments auszuführen.  Die Option für die Armen verbindet beide!

Ich freue mich anlässlich der 23. Preisverleihung heute Marco Arana  aus Peru und Austen Peter Brandt aus Deutschland würdigen zu dürfen.    
                                                                                                                                                                                 Marco Arana ist im Nordwesten Perus zu Hause, genauer gesagt in Cajamarca. Das „Land der Dornen“, in dem am 16. November 1532 die Schlacht von Cajamarca stattgefunden hat, bei der die spanischen Eroberer den Inka-Herrscher Atahualpa gefangen genommen, den größten Teil seiner Soldaten brutal ermordeten und schließlich auch ihn hinrichteten, ist heute historisches und kulturelles Erbe des amerikanischen Kontinents. Es ist bekannt durch seine historischen Bauten und bei Touristen beliebt. Das Thema Gold spielte schon bei der Hinrichtung Atahualpas eine wichtige Rolle. Atahualpa bot den Spaniern an, den Raum in dem er gefangen gehalten wurde, zweimal mit Gold und Silber auffüllen zu lassen und forderte im Gegenzug seine Freilassung. Die Spanier gaben vor, auf den Handel einzugehen. Doch als sie die Schätze erst einmal in den Händen hatten, brachten sie den letzten Inca-Herrscher um.

Auch heute gibt es noch diese ausbeuterischen Züge in Cajamarca, auch heute ist der Name der Stadt Cajamarca wieder auf neue Weise Synonym für Gold und Edelmetalle. Die profitabelste Goldmine der Welt, Yanacocha, wird dort von Newmont Mining Corporation aus den USA und von Buenaventura aus Peru betrieben. Sie ist der Auslöser  für das Engagement von Marco Arana.

Marco Arana wird heute mit dem Aachener Friedenspreis 2010 ausgezeichnet, weil er sich als unermüdlicher und hartnäckiger Anwalt der Menschen- und Umweltrechte erwiesen hat. Seit 20 Jahren kämpft er für die Bauern der betroffenen Gemeinden, die durch den rücksichtlosen ausbeuterischen Abbau von Gold großen Schaden an Gesundheit und Existenz erlitten haben. Er ist dabei überzeugter Verfechter des friedlichen Weges.

Marco Arana wurde vor 47 Jahren in der Region Cajamarca geboren. Er wuchs in einer religiösen Familie auf, war Mitglied christlicher Jugendkomitees und Anhänger der Befreiungstheologie.       

„Ich bin groß geworden mit Priestern und Bischöfen, die in engem Kontakt standen mit der bäuerlichen Welt. Bei uns zu Hause übernachteten häufig Bauern, weil sie nichts hatten, wo sie schlafen konnten, oder weil sie für ihr Land kämpften und verfolgt wurden, Ich habe das Christentum als etwas kennen gelernt, wo das Leben nicht vom Glauben getrennt wird. Das wahre Christentum stellt die Organisation von Gesellschaften, die Vorteile nur für einige wenige bringt und viele leiden machen, radikal in Frage“, so beschreibt Marco Arana sein persönliches Credo.

Er studierte Soziologie, trat ins Priesterseminar ein, arbeitete eine  Zeitlang in Lima und wurde dann als Priester in Cajamarca in einer Landgemeinde Pfarrer.  Dort erlebte er tagtäglich wie Hunger und Armut Lebenschancen verhinderten. Wo  Gesundheit und Bildung ein kostbares Gut sind.  Aber wo auch die Hoffnung auf eine gerechtere Welt Mut, Entschlossenheit und Kampfesgeist mobilisieren.

Von den indigenen Bauern hat er gelernt, sorgsam mit der Natur umzugehen. Mutter Erde zu bewahren:  Eine Wasserquelle ist das Auge der Erde und die Erde weint, wenn man ihr Schaden zufügt.

Und Schaden wurde ihr und den Menschen zugefügt, als die Minen sich ansiedelten und weiter ausbreiteten.  Heute sind viele der fruchtbaren Täler zu grauen Mondlandschaften verkommen.  Krater sind die stummen Zeugen, wie sich der moderne Kolonialismus zäh und beharrlich durch das ehemalige Inkareich gräbt. Die Erde wird umgegraben auf der Suche nach dem, was sie Weltmärkte fordern: das Gold. Um ein Gramm des Edelmetalls zu gewinnen, müssen ca. zwei Tonnen Gestein bewegt werden.

Die Verarbeitung des Gesteins fordert weitere nicht wieder gut zu machende Schäden. Mit dem hochgiftigen Zyanid wird das Gold aus den Steinen gewaschen. Bei diesem Vorgang lösen sich andere hochgiftige und gefährliche Metalle, Arsen und Quecksilber in reinster Form. Sie gelangen ins Grundwasser, vergiften die Bäche und Flüsse und das lebenswichtige Ackerland. Die mittel- und langfristigen Folgen für Mensch und Natur sind noch nicht abzuschätzen.  Mit der Verschmutzung des Wassers kommen auch heute schon Krankheiten und der Tod. Marco Arana berichtet, dass nicht nur Fische und kleinere Tiere davon betroffen sind. „Die Schafe verlieren ihre Wolle und Zähne, das Horn ihrer Hufe wird dünn. Kühe bekommen Tumore oder Blutungen, etliche Tiere sind bereits verendet.“ Auch die Menschen, die in der Nähe der Goldmine Yanacocha leben sind betroffen – der Wind trägt den Zyanid verseuchten Staub über viele Kilometer, landwirtschaftliche Produkte und Wasserquellen werden verschmutzt. Viele  klagen über Augenentzündungen und Hautkrankheiten. 

Perfider weise zahlt Newmont für jedes verendete Tier zwei als Entschädigung zurück. Die Krankheiten und das Leiden der Menschen sind in ihrer Unternehmenskultur allerdings noch nicht entschädigungsreif. Sie wissen sich der Mächtigen und Einflussreichen an ihrer Seite.

Da gibt es auch für uns in Deutschland noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Es ist nicht hinzunehmen, wenn der deutsche Botschafter in Peru auf der Internetseite der Botschaft schreibt: „Peru ist ein schönes und vielgestaltiges Land mit großer Tradition und Vergangenheit und inzwischen – wie einst – wieder das erste Goldland Lateinamerikas.“  Da scheint der Blickwinkel doch sehr verkürzt zu sein.

„In Peru ist nichts heilig, wenn es um wertvolle Industrie- und Edelmetalle geht“, kritisiert Marco Arana.   Er sieht wie die Minenbesitzer sich an den Rohstoffen bereichern.  Den Wert des Landes, des Departamento Cajamarca, fast so groß wie unser Bundesland Nordrhein-Westfalen, das bestimmen nicht die Einheimischen, das bestimmt seit vielen Jahren der Weltmarkt.

Vor acht Jahren gründete Marco Arana die Umweltorganisation Grufides. Sie wird zum Sprachrohr der indigenen Bevölkerung, der Bauern und ihrer Familien. Sie organisieren sich und wollen friedlich das zurück, was ihr eigen ist: fruchtbares Land, sauberes Wasser, reine Luft. Marco Arana ist ihr Fürsprecher. Er hat sich sachkundig gemacht.  Hat den Ingenieursstudiengang Wasser- und Abwassertechnik absolviert und sich mit ökologischer Landwirtschaft beschäftigt. Er verkündet das Evangelium und pflügt den Garten Edens. Dabei erscheinen die Auseinandersetzungen zwischen den Ansprüchen der Bauern und den Interessen der Newmont Mining Cooperation nicht selten wie der Kampf zwischen David und Goliath. Marco Arana und seine Mitarbeiter bei Grufides werden diffamiert, angefeindet, bedroht. Selbst Morddrohungen werden ausgesprochen, um den Aktivisten einzuschüchtern, damit er aufgibt.

Aber Marco Arana gibt nicht auf: „Ich habe mich in meinem Leben immer nach meinem religiösen Bewusstsein und meiner Moral gerichtet und es nie zugelassen, etwas sagen zu müssen, was nicht meinem Glauben entspricht, im Gegenteil. Aufgrund der umfassenden theologischen und soziologischen Bildung, die mir zu Teil  wurde, habe ich mich immer sehr bemüht, mein Tun fundiert zu begründen und zu erklären.“

Deshalb verhandelt er weiter, gibt mit seinen Mitarbeitern Rechtsberatung,  klärt auf und zeigt die Verstrickungen und Lügen an. 

Wenn im September nach 10 Jahren die Zwischenergebnisse der Milleniumserklärung und die Fakten der Armutsreduzierung von den UN veröffentlicht werden, dann legt auch die Weltbank ihren Bericht vor.  Sie wird die weitere Armutsspirale kritisieren und eine Bilanz für Peru vorlegen. Fazit: mehr als die Hälfte der Bevölkerung verdient zu wenig, um davon leben zu können. Sie wird sicherlich nicht vorlegen, wie sie über ihre Tochter IFC mit dazu beiträgt, Menschen, Natur und Länder auszubeuten. Sie arbeitet mit der Newmont Mining Cooperation zusammen. Ein börsendatiertes Unternehmen, das Ende August den Aktienwert von 45,19 US $ veröffentlichte. Im 1. Quartal diesen Jahres erwirtschaftete Newmont bereits einen Gewinn von 546 Mio. US $, im Vorjahresmonat waren es 189 Mio. US $.  Das ist Raubtierkapitalismus im Gewand der Armutsbekämpfung.

Marco Arana Sie wissen,  dass  Sie an den Stellschrauben der Macht drehen müssen und am besten selbst eine dieser Stellschrauben werden. Deshalb möchte die politische Bewegung, die sie in Peru gegründet haben, Sie auch für die nächsten Präsidentschaftswahlen im Frühjahr nächsten Jahres als Präsidentschaftskandidat nominieren.

Es ist ihnen lieber Marco Arana und ihrer Arbeit von Herzen zu wünschen, das ihr Politikansatz in Peru mehrheitsfähig wird.  Zum Wohle des Landes, der Menschen, der Kultur und Natur. Schützen Sie die Schätze der Inkas und führen Sie Ihr Land in eine gemeinwohlorientierte Zukunft.  Mit dem Aachener Friedenspreis drücken wir unsere Unterstützung aus und gratulieren Ihnen herzlich und wünschen Ihnen weiterhin Gottes Segen.

Gehen wir den weiten Weg von Peru zurück nach Deutschland und schauen wir auf die beeindruckende Arbeit unseres nationalen Preisträgers, auf das große Engagement von  Phoenix e.V. und seinem Mitgründer Austen Peter Brandt.

Heute in 15 Tagen jährt sich zum 75. Mal der Jahrestag, an dem der Reichsparteitag in Nürnberg das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ und das „Reichsbürgergesetz“ verabschiedete. Die Nürnberger Gesetze waren die ideologische Grundlage für die weitere Rassengesetzgebung des nationalsozialistischen Staates. Diese Rassenideologie führte zu einer der grausamsten Kapitel deutscher Geschichte: zu Ausgrenzung, Verfolgung, Verhaftung, Deportation und des Ermordens von Millionen Menschen.

„Nie wieder“  waren und sind die klaren Bekenntnisse in unserer jungen Demokratie.  Die Mütter und Väter des Grundgesetzes verankerten die Unverletzlichkeit jedes Menschen bereits 1949 in den ersten Artikeln unserer Verfassung:  „Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Artikel 2: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Artikel 3: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religioösen, oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Anfang der 90er Jahre kam es aber wieder verstärkt zu Übergriffe auf Menschen anderer Hautfarbe, auf Ausländer, auf türkische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Gewaltausschreitungen in den neuen Bundesländern, Flüchtlingsheime die angezündet wurden, Hetzjagde nach Volksfesten, Anschlag auf die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf.

Immer wieder entstanden Bündnisse gegen Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit, wenn rechtsradikale Gruppierungen gegen Menschen anderer Herkunft aufliefen und Gewalt anwendeten. „Mach meinen Kumpel nicht an“, oder „Gesicht zeigen“ haben bundesweit aufgeklärt und Präventionsprogramme gefordert.

In dieser Zeit entstand auch Phoenix e.V. , 1993 von Austen Peter Brandt gegründet, verfolgt diese Initiative einen anderen Weg. Sie sagt, dass im Zentrum aller Veränderungen der einzelne  Mensch mit seiner Geschichte und seinen Prägungen steht. Es geht also nicht um eine theoretische Behandlung des Rassismus, sondern ihn mit aktuellen Lernprozessen in Verbindung zu bringen.  Dahinter steckt die Erfahrung, dass Rassismus die Menschen zerrreißt und Unterdrückung und Leiden zur Folge hat.

Austen Peter Brandt weiß wovon er spricht. Er wurde 1952 in London geboren.  Seine nigerianischen Familienwurzeln sind nicht zu übersehen. Seit seinem zweiten Lebensjahr lebte er in Essen und ist heute verheirateter Vater von drei Kindern. Er  arbeitet als evangelischer Pfarrer in Duisburg-Walsum. Austen Peter Brandt hat sich bereits lange vor der Gründung von Phoenix zum Trainer für Anti-Rassismus-Trainings für Weiße und Bewusstseins-Trainings für Schwarze in Großbritannien ausbilden lassen. Inspiriert wurde er von der Britin Sybil Phoenix, die seine Lehrmeisterin wurde. Hier machte er Erfahrungen, dass die Trainings die Schnittstelle zwischen dem persönlichen und dem gesellschaftlichen Rassismus sind.  Das war in Deutschland nicht bekannt, oder wie Austen Peter Brandt sagt, diese Ebene wurde in der Bundesrepublik Deutschland verdrängt.

Für Phoenix prägt der Rassismus auch heute noch die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß und ist einer der unaufgearbeiteten Faktoren in unserer gesellschaftlichen Realität. In den Trainings werden Urteile und Vorurteile ebenso angesprochen, wie Herrschaftsansprüche und die Deutung verborgener Bilder. Diesem biographischen ganzheitlichen Ansatz entspricht, dass auch die verschiedenen kulturellen und politischen Hintergründe der weißen Deutschen und der schwarzen Deutschen einfließen.

Die Teilnehmenden kommen aus verschiedenen Kontexten, mit unterschiedlichen Erfahrungen. Das was sie verbindet ist die Erfahrung des Rassismus im Deutschland von heute.

Die Mitglieder von Phoenix beteiligen sich an Protesten und Aktionen bspw. gegen „Pro NRW“, sie beraten und begleiten Opfer rassistischer Gewalt und engagieren sich auf politischer Ebene dafür, den Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz zu streichen und diese Definitionen auch aus den deutschen Schulbüchern zu streichen.

Austen Peter Brandt und Phoenix engagieren sich dafür den Begriff Rassismus weiter zu fassen.  Das Deutsche Institut für Menschenrechte unterstützt die Bedeutung eines erweiterten Rassismusbegriffs.  Damit  würde der Blick eröffnet, dass sich Rassismus nicht nur im rechtsextremen Lager und durch Gewalt manifestiert. Rassismus  gibt  es  auch in der Mitte der Gesellschaft. Rassismus  zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen pauschal bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Häufig  gehen  damit Abwertungen einher.  Auch Formen direkter, struktureller und indirekter Diskriminierung in Bildung, Beruf und auf dem Wohnungsmarkt könnten dann in Deutschland die nötige Aufmerksamkeit erhalten.

Die jüngsten Äußerungen von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin machen uns in erschreckender Weise deutlich, dass der Schoss noch fruchtbar ist. Wieder werden Menschen, die einer bestimmten Gruppe zugehörig sind, einem bestimmten Glauben angehören öffentlich diffamiert, gebrandmarkt und für wertlos befunden. Dazu muss es einen breiten gesellschaftlichen Aufschrei geben.  Seine Äußerungen sind mit dem Geist und der Ethik unseres Grundgesetzes nicht vereinbar.

Phoenix legt den Finger in die deutsche Wunde. 65 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft sind wir immer noch um Aufarbeitung und Selbstfindung bemüht. Es fällt uns im Gegensatz zu Menschen in anderen Ländern schwer zu sagen, das wir auch stolz auf die Errungenschaften in Deutschland sind. Zu sehr ist unsere Geschichte mit Krieg, Verherrlichung und Ausgrenzung belastet. Die Scham hat viele Sprachunfähig gemacht und den Blick für die neuen Formen des Rassismus getrübt.

Den  Mitglieder von Phoenix und stellvertretend für alle sei Ihnen Austen Peter Brandt  herzlich gedankt, dass Sie den Mut und die Kraft hatten, bereits 1993 diese neuen Trainingsansätze nach Deutschland zu holen.  Mit ihrer Arbeit fordern Sie uns alle auf, genauer hinzuschauen, genauer hinzuhören, genauer nachzufragen und unser Handeln zu reflektieren.

„Mit der Preisverleihung an Phoenix e.V. will der Aachener Friedenspreis mit dazu beitragen, dass der Rassismus aus der Tabuzone befreit wird. Frieden innerhalb einer Gesellschaft kann nur in dem Maße gelingen und verwirklicht werden, in dem Rassismus und jede andere Form der Ausgrenzung und Ungleichheitsideologie überwunden werden.“

Lieber Austen Peter Brand, Liebe „Brückenmenschen“ von Phoenix, ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zur Verleihung des Aachener Friedenspreises 2010!

Und ich tue es mit den Worten von Martin Luther King, denn sie sagen selbst, dass das am besten die Zielrichtung ihres Engagements beschreibt:

„Das ist das große Problem der Menschheit:                                                                                                 Wir haben ein großes Haus geerbt, ein großes Haus der Welt, in dem wir zusammen leben müssen. Schwarze, Weiße, Morgenländer und Abendländer, Juden und Nichtjuden, Katholiken und Protestanten, Moslems und Hindus. Eine Familie, die in Ideen, Kultur und Interessen zu Unrecht getrennt ist. Weil wir niemals wieder getrennt leben können, werden wir lernen müssen, in Frieden miteinander auszukommen.“

Für Martin Luther King war es ein Traum, für Phoenix e.V., ist es das tagtägliche Leben und Überleben. Herzlichen Dank für Ihre so wichtige Arbeit!